Mongolei Reise Bericht Galsan Tschinag Teil 1

Der heutige Rundbrief wird voraussichtlich die unmittelbare Fortsetzung des letzten, betitelt Achtzigstes Lebensjahr.

Im vergangenen halben Jahr haben wir, den Gepflogenheiten des

hiesigen Volkes folgend, an so manchen Orten und in so manchen
 
Kreisen weitere festliche Stunden anlässlich der Verleihung des
 
höchsten staatlichen Titels Held der Arbeit an meine Person verbracht.
 
Nun möchten wir einige besondere Momente auf diese Weise mit Euch
 
teilen.
 
Zunächst, wie wir in der Tuwa-Mulde von Orhon im Norden, 300 km
 
von hier, in der Hütte unserer beiden lieben Alten Gys und Adjaa
 
feierten. Wir wurden schier kindhaft-überschwänglich aufgenommen
 
von dort lebenden Stammesangehörigen, die inzwischen eine der
 
Dutzende Inseln von Tuwa-Leuten in der Zentralmongolei bilden, mit
 
Musik und Tanz, üppigem Essen, Getränken, so auch manchen
 
Geschenken und dies unter Freudentränen…
 
Erwähnt sei hier der 90 jährige Gys, Nachkomme von jener
 
Tlingitfrau mit erschossenem Vater und verschlepptem Ehemann an
 
der Nordseite des Altai, gezwungen somit zur Flucht vor weiteren
 
Eingriffen des roten Terrors mit ihren 6 klitzekleinen Kindern, und
 
angekommen nach tage- und nächtelangem Irren durch unendliche
 
Steinwüsten an der Ostseite desselben Bergriesen endlich einen neuen
 
Unterschlupf gefunden als eines der vielen Adoptivkinder unseres
 
Großvaters Hylbang mit dem Titel Daamal, Anführer – dieser Gys
 
also, seit Jahren an den Rollstuhl gefesselt und inzwischen fast
 
erblindet.
 
Der Greis legte seinen silbergrauen, steinschweren Kopf an
 
meine Brust und betastete das fünfzackige Goldene Sojombo, hielt es
 
zwischen Daumen und Zeigefinger lange-lange fest und sprach
 
schließlich: „Nun ist mein Traumwunsch in Erfüllung gegangen, da
 
einer aus unseren Reihen diese für uns Tuwa bislang unerreichbar
 
gebliebene Krone als Held der Arbeit des mongolischen Staates an
 
eigener Brust tragen darf. Ach, jetzt könnte ich endlich sterben, weil
 
diese Ehre, lange genug verweigert unserem Volk, ihm doch noch
 
zuteilgeworden ist!“
 
Denselben Gedanken, eingehüllt in andere, mehr und weniger klare
 
Worte, werde ich, werden wir aus weiteren Mündern in den nächsten
 
Tagen vielmals zu hören bekommen. Dass Angehörige unseres Volkes
 
bei deutlich herausragenden Leistungen noch nie mit diesem Titel
 
belohnt und berühmt werden durften, ganz einfach deswegen, weil sie
 
sich ihre Herkunft als Tuwa anzugeben erdreistet haben, gegen die
 
Staatsdoktrin – „In der Mongolei gibt es keinen einzigen
 
Tuwamenschen!“, wie deren de facto Roter Kaiser Jumdshaagiin
 
Zendenbal meine nichtige Person im Frühjahr 1977 in Gegenwart
 
sämtlicher Mitglieder seines hochheiligen Politbüros angeschrien und
 
dabei sein Zeigefinger nur eine Handspanne weiter vor meinen Augen
 
bohrende Bewegungen gemacht hat, ist seit Jahr und Tag allgemein
 
bekannt.
 
Und dieser schreiende Rassismus in dem erklärt
 
internationalistischen, märchenhaft schönen Land hat im Körper der
 
Tuwa als Volk gewiss einer tiefliegenden, eiternden Wunde geglichen.
 
Und nun scheint wohl das Goldene Sojombo an meiner Brust, jene
 
Eiterwunde zur Heilung zu bringen.
 
Ein Mann in mittleren Jahren, Nachkomme von einer Familie,
 
stammend aus dem Altai, sang, auf dem Akkordeon spielend, zwei
 
selbstvertonte Wiegenlieder. Die Texte erkenne ich als meine Gedichte.
 
Ich musste weinen, weil ich dabei an unseren Altai dachte, unser Eines
 
und Alles, vorkommend mir wie ein hilfloses Wesen, kahlgeholzt und
 
geschändet unter unzähligen Stiefeltritten und unbarmherzigem
 
Wühlen von Schneiden und Spitzen, den Krallen der Gier.
 
Auf weiteren Festen durfte ich auch anderen meiner Gedicht-Kinder
 
begegnen, als Lieder unter Begleitung von verschiedenen
 
Instrumenten.
 
Wenige Tage später sind wir in Zaamar, im Westen, ebenso 300 km
 
von hier entfernt, wo meine kleine Sippe eine Ersatzheimat gefunden
 
hat. Vor 40 Jahren waren zuerst 10 Familien aus der Tuwa-Ecke
 
eingewandert. Inzwischen sind sie auf 60/70 angewachsen.
 
Der Platz ist sehr malerisch gelegen am Ufer des Tuul, eines der
 
Hauptflüsse des Landes.
 
Während die Älteren als Nomaden in der Steppe weiterhin bei ihren
 
Herden geblieben, sind die Jüngeren entweder in die Städte
 
ausgewandert oder leben in dem Landkreis als Gelegenheitsarbeiter.
 
Zaamar ist eines der Hauptbergbaugebiete für Gold. Durch den damit
 
verbundenen hohen Wasserverbrauch, sind viele kleinere Flüsse
 
ausgetrocknet und der Grundwasserspiegel sinkt immer weiter.
 
Während die Berge immer trockener werden, ist der Tuul in der
 
Ebene immer unberechenbarer geworden, mal kommt kaum Wasser
 
mehr, mal gibt es Überschwemmungen und Hochwasser. So war es
 
auch an dem heißen Tag Ende Mai, als wir dort unsere schöne Feier
 
hatten.
 
Was uns sehr erfreut hat, ist dies: Dem Beispiel des Onkels folgend,
 
hat einer oder anderer aus unserer Sippe auch hier angefangen,
 
Bäume zu pflanzen.
 
In allen meinen Einladungen habe ich bekanntgegeben, dass ich keine
 
Geschenke für mich brauche. Stattdessen könnten sie ihrem
 
Mutterland ein paar Bäume schenken. Die Spendenbereitschaft
 
erweist sich hier als überwältigend. Die Umschläge mit den Geldern
 
wurden an Sohn Galtai, den Chef der Baumschule, gleich
 
weitergegeben.
 
Apropos Spenden, viele Menschen wollten mir außerdem doch auch
 
etwas Persönliches geschenkt haben in Form von Silberschalen,
 
Hadaks, wertvoller, selbst hergestellter Dauernahrung und sogar
 
Reitpferden.
 
Zu diesen ländlichen Ecken sind wir hinausgefahren, damit die
 
Menschen von dort nicht extra in die Stadt, zu unserem Haupt-
 
Bankett in Ulaanbaatar zu fahren brauchten.
 
Ja, zunächst war jenes als großes Gartenfest auf unserem Grundstück
 
geplant gewesen. Solches konnten wir jedoch nicht realisieren, der
 
Grund war eigentlich ein nebensächlicher: Die Parkplätze. Wo sollten
 
100-200 Autos Platz finden in unserer kleinen Straße? Denn alle
 
würden mit dem Auto kommen, UB ist übervoll davon, jeder hat
 
inzwischen mindestens eines, wenn nicht mehrere. Städte sind von
 
Autos und das Weideland ist von Tieren überfüllt, obwohl die
 
Mongolei nur 3 Millionen Einwohner hat und anderthalb Millionen
 
Quadratkilometer groß ist.
 
Und der mongolische Mensch ist mittlerweile von Ansprüchen prall
 
aufgefüllt. Sind sie einmal zum Fest eines Helden der Arbeit eingeladen
 
worden, dann wollen sie alle bestens angezogen und mit dem
 
schönsten Auto angefahren kommen. Also waren wir gezwungen
 
diesen Umständen ins Auge zu schauen, von dem ursprünglichen
 
Vorhaben, unter unseren so schönen Bäumen die Menschen zu
 
bewirten, abrücken und nach einem Restaurant mit möglichst großem
 
Parkplatz suchen. Dann fanden wir durch Vermittlung einer lieben
 
Seele eines, aber es erwies sich als doch zu klein. Deshalb mussten wir
 
dort zwei Feiern nacheinander, vormittags und nachmittags
 
veranstalten, wenn wir alle Freunde, Familienmitglieder und
 
Bekannte dabeihaben wollten. Also hatten wir einen ganzen, heißen
 
Sommertag lang ordensdekoriert und wohlgelaunt, essend, trinkend,
 
Menschen begrüßend dort zu sein. Das haben wir auch gut geschafft,
 
ja, es wurden tatsächlich zwei sehr schöne Feste.
 
Es fehlte dann noch eine Feier für die Mehrheit des Tuwa-Volkes, die
 
im fernen Altai lebt. Also machten wir uns am 6. Juli mit dem Auto zu
 
dritt auf den Weg, mit unserer guten Helferseele und Alleskönner
 
Pindik am Steuer.
 
Waren zwei Tage unterwegs, brachten am ersten Tag gut 1000 km
 
hinter uns und übernachteten unter dem mongolischen Millionen-
 
Sterne-Himmel.
 
Bei der Ankunft in der Bezirkshauptstadt Ölgii wurde uns ein
 
strammes Programm angekündigt, gemeinsam initiiert von unserer
 
dortigen Verwandtschaft und der Bezirksregierung.
 
 
Am Morgen des Tages nach unserer Ankunft, am 9. Juli, sollte es ein
 
kurzes Treffen mit dem Vorsitzenden der Volksvertretung geben, der
 
mich überaus höflich empfing und mir mitteilte, was er mit mir
 
vorhätte: Ich sollte mit der höchsten Anerkennung des Bezirks
 
ausgezeichnet werden, was im Klartext hieß: Zum Ehrenbürger des
 
Bayan-Ölgii-Aimag ernannt und mit einer nationalen Tracht, Hut und
 
Gürtel und einer Silberschale bei der Eröffnung des Naadam am 10.
 
Juli vor der Öffentlichkeit geehrt werden. Übrigens würde zu dieser
 
Auszeichnung auch noch ein weiterer Orden gehören.
 
Wobei mich die genannte nationale Tracht hellhörig macht, denn ich
 
habe schon vorher solche Trachten empfangen, die aus tiefstem
 
schwarz bestanden, was eine Farbe ist, die zwar der kasachischen
 
Nation zusagt, mir jedoch nicht. In diesem Zusammenhang sei
 
erwähnt, dass ich eine kirgisische, leider auch schwarz, dabei aber
 
goldbestickt an allen Rändern, und eine tatarische Nationaltracht aus
 
schönem grünem Samt bei anderen Anlässen bereits geschenkt
 
bekommen habe. So lasse ich vorsichtig verlautbaren, dass ich aus der
 
Ecke schon drei komplette Trachten besitze, aber noch keine

westmongolische. Man versichert mir sofort, diesem meinem Wunsch
 
zu entsprechen.
 
Und am selben 9. Juli, zur Mittagsstunde treffen wir uns mit der
 
Verwandtschaft und den Vertretern aus Kultur und Politik zu dem
 
festlichen Empfang. Mein Neffe, der mit der ganzen Familie alles in
 
die Wege geleitet hatte und seit geraumer Zeit in der mongolischen
 
Botschaft in Kasachstan arbeitet, war extra aus Astana angereist und
 
am Abend vorher eingetroffen.
 
In dem festlich geschmückten Restaurant Arwin erscheinen ca. 40
 
Personen zu diesem Anlass. Der große Chef, der mich Stunden zuvor
 
empfangen hat, sitzt mir zur Rechten und dazu auch der Vorstand
 
vom mongolischen Schriftstellerverband des Bezirks. Diese
 
Dichterkollegen hatten dafür gesorgt, dass einige Erzählungen und
 
Gedichte von mir vom Mongolischen ins Kasachische übersetzt und
 
veröffentlicht worden sind.
 
Auch hier war mein Wunsch, kein persönliches Geschenk zu erhalten,
 
sondern für die Bewaldung der Mongolei zu spenden, bekanntgegeben
 
worden, so überreichten die meisten Gäste mir Umschläge mit
 
Spenden. Besonders rührend kommen mir jene Geldscheine vor, die
 
lediglich in einem gefalteten Stück Papier ohne Namensangabe liegen.
 
Das Fest verläuft sehr herzlich. Tuwa, Kasachen und Vertreter
 
weiterer Minderheiten am Ort, sowie Freunde, die ich seit Jahren
 
nicht mehr gesehen hatte und Familienmitglieder prägen die sehr
 
persönliche, feierliche Atmosphäre.
 
Viele kurze Reden werden gehalten und ein jeder beteuert auch hier,
 
über die Auszeichnung des Vertreters eines bisher übergangenen
 
Mitglieds der Vielvölkerfamilie der Mongolei, so erfreut zu sein, als
 
wenn man selber dahintersteckte.
 
 
Nun zum nächsten, und zwar staatsträchtigen Tag: Abgeholt werden
 
wir von einem Oberst im Dienstauto, welches uns ungehindert durch
 
das abgesperrte Gebiet zum Stadion in Ölgii bringt. Dort haben wir
 
zunächst, wie alle Sonderberechtigten, die überaus steile Treppe mit
 
hohen, dazu noch unregelmäßigen Stufen zur Tribüne keuchend und
 
schwitzend zu erklettern. Und dann die vorbestimmte Reihe endlich
 
erreicht und so ein wenig erleichtert, müssen wir jedoch mit Herz
 
schmerzender Sorge zuschauen, wie sich ein sehr alter Mann unter
 
vielen Orden und mit einem Gehstock in jeder Hand, hinaufbemüht -
 
von vorne gezogen und von hinten geschoben, o Himmel! Wenig später
 
werden wir ihn kennenlernen und erfahren, dass er als ein legendärer
 
Kämpfer genau im einhundertsten Lebensjahr steckt.
 
 
Ist vorhin beim Hochklettern mein heimlicher Gedanke gewesen:
 
„Großer Himmel, wie komme ich nachher hier wieder hinunter?“
 
Nun aber, der in lautestem Kasachisch kindhaft offen geführten
 
Selbstdarstellung meines Platznachbarn zuhörend, versuche ich, mich
 
selbst zu belächeln: „Schaue doch, du hasenherziger Grünschnabel,
 
auf diesen wahrhaften Kämpfer unter Last von Jahren und
 
allmöglichen Ablagerungen des Dauerkampfes Leben!“
 
Der Aksakal, dekoriert an der ganzen Vorderseite von oben bis unten
 
mit Orden und begleitet von einem jungen Mann, vielleicht sein
 
Urenkel, kommt mir tatsächlich wie ein Exponat vor, dem zuschauend
 
und zuhörend ich so manches noch dazulernen könnte. „Am siebten
 
Tag des sechsten Monats des Jahres 1947 verlor ich während einer
 
Schlacht an der Südwestgrenze eines meiner Augen“, sprach er so laut
 
wie bei einem öffentlichen Vortrag. Und seine Stimme erklang dabei
 
kein bisschen traurig, sondern fast heiter oder zumindest trotzigstandhaft.
 
 
Was man daraufhin auch erfuhr – er gehörte zu den
 
Kämpfern der siebzehnten sowjetischen Armee. Über solches durfte
 
man in unserer jüngsten Vergangenheit nicht reden. Wenn dieser
 
Hochbetagte es nun so offen sagt, denke ich, müsste jenes
 
Staatsgeheimnis wohl bereits verjährt sein.
 
Eine knappe Stunde später, während wir Beide als Helden dieses 103.
 
Feiertages der Gründung des Mongolischen Staates unten die Bühne
 
des Stadions betreten, wird unser Hundertjähriger mit einer Urkunde
 
und weiteren Geschenken des russischen Botschafters in der Mongolei
 
geehrt, was mich besonders erfreut, weil dadurch jeder Zweifel an
 
seinen vorherigen kindhaft lockeren Aussagen beseitigt ist.
 
Doch zunächst sitzen wir in der ersten Reihe auf roten Stühlen als
 
Ehrengäste auf der sonnenbeschirmten Tribüne, von hier aus haben
 
wir einen hervorragenden Blick über das ganze Stadion.
 
Und schon werde ich gerufen, muss also wieder nach unten klettern
 
und einen unendlich weiten Weg, wie mir erscheinen will,
 
zurücklegen. Dann werde ich in das hermetisch abgesperrte Areal
 
hineingelassen. Der rote Teppich ist vorhin ausgerollt worden, wie wir
 
von oben beobachtet haben.
 
Nun schreitet vor mir eine Garde, die Staatsfahne auf den Händen
 
tragend, zum Fahnenmast und ich schreite hinter ihr. Der ausgelegte
 
Teppich hat vorhin, von oben, so glatt ausgeschaut, nun aber merke
 
ich, wie er in Wirklichkeit doch ist – alles andere als eben, mit Beulen
 
über Beulen, denn darunter ist doch die Steppe mit den vielen
 
Büscheln aus Gräsern und Blumen. Und schon deswegen, blinkt in
 
meinem Hirn das Signallicht, bleibe bitte vorsichtig, Alterchen!
 
Verfalle keinesfalls dem Leichtsinn, es den jungen, wohltrainierten
 
Männern vor dir gleichzutun und in die Höhe zu schauen!
 
Am Ziel angelangt befestigt die Garde die Enden der Fahne am Mast,
 
in dem Moment erklingt die mongolische Nationalhymne, alle
 
Menschen erheben sich von ihren Sitzen und ich gehe daran, meine
 
ehrenvolle Aufgabe zu erfüllen – die Fahne zu hissen. Damit ist das
 
Naadamfest im westlichsten Zipfel der Mongolei feierlich eröffnet und
 
ich darf zunächst zu meinem Platz und meiner Frau zurückkehren!
 
Also erklimme ich zum zweiten Mal die steile Treppe der
 
Ehrentribüne, in der Gurgel einen kleinen süßen Rausch des Ruhmes
 
und gleichzeitig auch einen bitteren, schweren Nachgeschmack
 
spürend.
 
Damit aber noch nicht genug, gegen Ende des ersten Teils der
 
Eröffnungsfeier, nachdem kostümierte Reiter, Tänzer, Sänger,
 
Musiker, Ringer und Bogenschützen im Stadion aufgetreten sind,
 
muss ich abermals den Abstieg durchstehen und bei grausam
 
sengender Mittagshitze erreiche ich heil und gesund, ja, vor fremden
 
Augen, vielleicht, die Zähigkeit und Haltung eines Kämpfers in
 
vorgerücktem Alter herauskehrend, die weit entfernte Bühne.
 
Sogleich wird der Erlass meiner Ernennung zum Ehrenbürger des
 
Bayan-Ölgii Aimags über Lautsprecher verlesen, der Oberst und
 
einige junge Männer fangen an, mir meinen Deel auszuziehen und ihn
 
zusammenzulegen. Ein schöner, himmelblauer Seidendeel nach
 
westmongolischer Machart wird mir angezogen, ein silberbesetzter,
 
gewichtiger, steifer Ledergürtel angelegt, ein blauer Hut aufgesetzt
 
und dann werden mir die Urkunde und eine Silberschale mit Aarul
 
sowie ein Hadak vom Bezirkschef überreicht. Der dazugehörige Orden
 
wird gleich am neuen Deel befestigt.
 
So neu eingekleidet muss ich ans Mikrofon treten und halte eine kurze
 
Dankes-Rede in drei Sprachen: mongolisch, tuwinisch und kasachisch.
 
Womit meine Pflicht erfüllt ist. Ich möchte so schnell wie möglich der
 
Hitze entkommen, winke meiner Frau zu, die von der Tribüne aus
 
nach mir Ausschau hält, worauf sie auch schnell kommt, mich
 
spielerisch beäugt und sagt, ich sähe ja ganz anders, aber gut aus!
 
Gratulanten bestürmen mich. Fotos werden gemacht. Höre Worte in
 
drei Sprachen und bedanke mich jedes Mal in der soeben gehörten
 
Sprache, berieche viele Schläfen und küsse wohl auch manche Backen.
 
Vergesse dabei keinesfalls, mich in Richtung des Ausgangs zu
 
bewegen. Sehe mit einem Mal vor mir die aufgesperrte Tür desselben
 
Dienstwagens, der uns heute morgen herübergebracht hat. Im
 
nächsten Augenblick setzt sich das Fahrzeug auch schon in Bewegung.
 
Und ich vernehme die Frage: „Wohin?“
 
„Nach Hause!“ sage ich und füge dem dann hinzu: „Dorthin, wo wir
 
abgeholt wurden!“
Damit meine ich vor allem die Kühle, die die Wohnung unseres Neffen
 
Zolbajr ausstrahlen dürfte, ja, dorthin möchten wir uns schleunigst
 
zurückziehen. Die Hitze, o die ist ganz einfach: schrecklich!
 
Minuten später, gelandet in der kühlen, stillen Wohnung, denke ich an
 
das mongolische Sprichwort: Hünii hüü tug tsch´ örgüdeg, tugal tsch
 
´hariuldag – Mal Fahne gehisst, mal Kälber gehütet, das ist das
 
Schicksal so manchen Menschenkindes!
 
Nun ist geschehen, dass ich als erster aus meinem Tuwa-Volk die
 
Fahne des mongolischen Staats habe hissen dürfen. Was soll ich dazu
 
sagen? Wohl das, was ich zeitlebens gedacht und wie ich gelebt habe –
 
weiterhin: Mut – Demut… Mut – Demut… Mut – Demut…
 
Am nächsten Morgen setzen wir unsere Reise endlich in Zielrichtung
 
Hoher Altai fort. Erreichen zur Mittagsstunde den Owoo auf dem
 
Sattel des Haaktyg, wo vor genau 29 Jahren und zwei Tagen die von
 
mir geführte große Karawane, ebenso zur Mittagsstunde,
 
angekommen war. Dort ist eine ganze Menge Autos zu sehen, aber
 
kein einziges Pferd. Damals waren viele Reiter gekommen und vor
 
allem Motorräder und russische Jeeps. Die Zeiten haben sich eben
 
geändert.
 
Zuerst werden wir von feierlich Gekleideten, die Mehrheit davon in
 
tuwinischer Tracht, umringt und auf traditionelle Weise mit Milch
 
und Schnupftabakflaschen begrüßt. Dann begeben wir uns zum
 
Owoo, umrunden ihn und bringen dort Hadaks an, die Menschen
 
folgen uns.
 
 
Ein Auto wartet in Sichtweite und nun steigen drei Personen in
 
mongolischen Deels aus.
 
Sie grüßen uns höflich auf mongolisch und als sie dann ihre Namen
 
nennen: Aitugan, Janbota und Soronzonbold, da erst merke ich, es
 
sind zwei Kasachen, der höchste Chef des Landkreises und die Chefin
 
der Volksvertretung und den dritten erkenne ich als Tuwa-Mann
 
wieder. Alle aus der Chefetage des öffentlichen Lebens waren also
 
auch hier, auf der Landkreisebene, wie dort, auf der Ebene des
 
Bezirks, mongolisch gekleidet, im Gegensatz zu früher, wo ein jeder
 
im Dienst des Staats einen Anzug mit einer Krawatte zu tragen
 
pflegte.
 
Nun gratulieren sie mir amtlich offiziell zu meinem Titel. Dann
 
erfahre ich, was sie vorhaben: Der Landkreis Zengel wird seinem
 
ersten Helden der Arbeit zu Ehren übermorgen ein Volksfest geben.
 
Ich werde gefragt, wo es stattfinden soll, im Kreisstadion oder im
 
Freien irgendwo draußen? Sofort entscheide ich mich für unser
 
Sommerlager in der Nähe des heiligen Berges Haarakan. Und somit
 
verabschieden wir uns und fahren in zwei Richtungen davon, die
 
Chefs flussabwärts zur Kreissiedlung zurück und wir flussaufwärts
 
zum Haarakan.
 
Die Aussicht entlang des Haraaty-Tales, o was für eine Augenweide
 
und welch anderes Lebensgefühl erweckend nach den Tagen unter
 
Hitze und Ausdünstungen jener überfüllten Welt mit all den rauchigstaubigen
 
Städten. Wie bei jeder Ankunft tauchen wir beide Hände ins
 
Wasser und begrüßen den Fluss, lassen sie in der frischen Brise aus
 
Richtung der Gletscher trocknen und denken: Endlich sind wir wieder
 
zu Hause, in unserer großen Jurte Hoher Altai!
 
Nach einer weiteren Stunde Fahrt erreichen wir das Sommerlager in
 
Artyschtyg aksy, am Ausgang zum Wacholdertal.
 
Kaum aus dem Auto gestiegen, werden wir gebeten, in die Bödej, die
 
Neuvermählten-Jurte, einzutreten. Eine lieblich-hübsche Behausung,
 
geschmackvoll ausgestattet und alles drinnen noch glänzendfrisch.
 
Uns gegenüber sitzt das junge, glückstrahlende und dabei auch
 
schüchtern wirkende Ehepaar in wolkenhellen Seidentrachten und
 
dazu passenden Strohhüten. Der Mann, der uns mit großen,
 
glänzenden Augen zwischendurch immer wieder anblickt, ist der
 
taubstumme, aber mit umso klarer sprechendem Gesicht, unser
 
Liebling Orgilai, der letztes Jahr ein paar Monate lang bei uns so
 
tüchtig und ehrlich gearbeitet und daher von uns Beiden einen
 
Kleinlaster geschenkt bekommen hat. Das müssen wir an dieser Stelle
 
unbedingt erwähnt haben, da wir in den nächsten Tagen von vielen
 
Seiten zu hören bekommen: Jenes unser Geschenk habe ihn wohl
 
bestärkt und ermutigt, eine Frau zu finden, gewillt, mit ihm eine
 
gemeinsame Wirtschaft zu führen und so auch ihn zu heiraten.